Interview

Momentan wird viel ins Blaue experimentiert

CAM-Direktor Prof. Stefan Bratzel im Gespräch

Im neuen Mobility Services Report haben Sie mehr als 750 einzelne Dienste identifiziert. Ist die neue Mobilitätswelt längst zur Realität geworden?
Momentan befinden wir uns noch auf dem Gipfel eines Hype Cycle. Die Zahl der Services, die derzeit hervorgebracht werden, ist zwar immens, doch nicht alle können am Ende erfolgreich sein. Da wird momentan noch viel ins Blaue experimentiert. Es wird eine Phase der Marktkonsolidierung folgen, an deren Ende nur wenige kommerzielle Dienste überleben werden.

Welcher Akteur wird in einer künftigen Mobilitätsindustrie, in der nicht Fahrzeugverkauf, sondern Fahrzeugnutzung im Fokus steht, dominieren?
Das kommt auf den jeweiligen Typus der Mobilitätsdienstleistung an, mit dem ganz unterschiedliche Akteure arbeiten. Zentral wird sicher die Fahrdienstvermittlung sein, bei der derzeit die Plattformbetreiber Uber und Didi Chuxing den Weltmarkt dominieren. In Europa könnte das Mobilitäts-Joint-Venture aus BMW und Daimler eine gute Rolle spielen. Vergessen sollte man nicht den Internetriesen Google, der dank eines enormen Datenbestandes über eine entscheidende Kundenmacht verfügt. Im Bereich der Multimodalitätsplattformen werden zudem einige starke Player entstehen, die die regionalen Märkte untereinander aufteilen. Das werden sogenannte White-Label Provider sein, die in den verschiedenen Regionen ihre Software zur Verfügung stellen und mit den entsprechenden Daten verknüpfen.

Welche Rolle kommt dabei auf Städte und Gemeinden zu?
Städte und Kommunen müssen lernen, neue Mobility Services als wichtige Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs zu verstehen. Dafür müssen natürlich die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Fragen nach dem richtigen Einsatz und der Begrenzung der jeweiligen Dienste beantworten. Und um es klar zu sagen: Ohne eine Einschränkung des motorisierten Individualverkehrs nach klassischem Muster wird das Ganze nicht funktionieren. Nur so kommt man der Vision einer nachhaltigen Mobilität näher.

Das Interview führte Yannick Polchow, Redakteur carIT

Prof. Dr. Stefan Bratzel

Prof. Dr. Stefan Bratzel

Leiter Center of Automotive Management (CAM)

Kurzvita

Stefan Bratzel ist seit 2004 Leiter des Center of Automotive Management (CAM) und Dozent an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Das CAM ist ein unabhängiges wissenschaftliches Institut für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung.

Der promovierte Politikwissenschaftler ist zudem Verantwortlicher für den Masterstudiengang Automotive Management. Bratzel war zuvor unter anderem Produktmanager beim Automobilhersteller Smart und Programmmanager bei Quam in München.